LehrplanPLUS FS Förderschwerpunkt Sehen

Herausgeber: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
Stand: 08.03.2024
Datei: Förderschule_Sehen_Stand_08_03_24.pdf


Bildungsauftrag und Leitgedanken

Schülerschaft mit Förderbedarf Sehen

Die Schülerschaft mit Förderbedarf Sehen ist hochgradig heterogen:
- Schülerinnen und Schüler mit Sehbehinderung (verschiedene Grade)
- Blinde Schülerinnen und Schüler
- SuS mit mehrfachem Förderbedarf (Sehen + weitere FS)

Die Auswirkungen von Sehbeeinträchtigungen betreffen:
- Wahrnehmung: Welterschließung primär über Tasten, Hören und weitere Sinne (nicht visuell)
- Kognition: Begriffsbildung und Vorstellungsvermögen durch eingeschränkte visuelle Erfahrung erschwert; Bildung über andere Kanäle kompensieren
- Mobilität: Orientierungstraining (O&M) als eigenständiger Förderbereich
- Soziale Interaktion: Mimik und Körpersprache werden nicht oder kaum aufgenommen

Profilbildende Elemente

  • Blindenschrift (Braille): Deutsche Blindenvollschrift, Blindenkurzschrift — als gleichwertige Schriftsysteme neben Schwarzschrift
  • Lebenspraktische Fertigkeiten (LPF): Selbständige Alltagsbewältigung als Förderziel
  • Orientierung und Mobilität (O&M): Kompensatorische Strategien für selbständige Bewegung
  • Sociale Handlungsfähigkeit: Aufbau realistisches Selbstkonzept, soziale Interaktionsfähigkeiten trotz visueller Einschränkung

Medienbildung / Digitale Bildung

FS-spezifische Medienbildung

Die Medienbildung im FS Sehen hat eine besondere Doppelfunktion:

  1. Als Kompensationsmittel: Digitale Medien ermöglichen Schülerinnen und Schülern mit Sehbehinderung den Zugang zu Inhalten, die visuell nicht zugänglich sind
  2. Als Lerngegenstand: Umgang mit Hard- und Software nach blindenspezifischen und sehbehindertengerechten Kriterien

„Eine Medienbildung, die die visuellen Einschränkungen der Schülerinnen und Schüler bei der entwicklungsgemäßen Nutzung digitaler und interaktiver Medien sowie deren Chancen als Hilfsmittel berücksichtigt, ist Grundlage für aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und besonders der Berufswelt." (S. 24)

Spezifische digitale Hilfsmittel

  • Screenreader: Vorleseprogramme (JAWS, NVDA, VoiceOver) als primäre Schnittstelle zu Computern
  • Braillezeilen: taktile Ausgabegeräte als Ergänzung zum Screenreader
  • Vergrößerungssoftware: ZoomText, Windows-Lupe für SuS mit Sehbehinderung (nicht blind)
  • Sprachsteuerung: Diktiersoftware als Eingabekanal
  • Audioformate: Hörbücher, Sprachausgabe als gleichwertiger Textkanal
  • Blindenschriftdrucker: Embosser für taktile Ausgaben
  • Kontrastsettings und Anzeigeoptimierung: Hardwareseitige Anpassungen (große Schrift, hoher Kontrast, dunkler Modus)
  • Audiodeskription bei Videos: barrierefreie Medienzugänglichkeit

Informationstechnische Grundbildung (S. 24)

Auswahl der Hard- und Software nach blindenspezifischen und sehbehindertengerechten Kriterien:
- Tastaturkürzel statt Maus (Screenreader-Kompatibilität)
- Barrierefreiheitsnormen (WCAG, BITV 2.0)
- App-Kompatibilität mit Systemzugangshilfen (iOS VoiceOver, Android TalkBack)

Schriftsprachentwicklung im digitalen Kontext

  • Schwarzschrift und Blindenschrift als parallele Schriftsysteme; digitale Medien ergänzen beide
  • „Die deutsche Blindenkurzschrift ist auch im Zeitalter der Digitalisierung noch die Gebrauchsschrift" (S. ~35)
  • Schriftsprache als Kommunikations- und Informationsträger über alle Formate hinweg

Übergreifende Medienbildung (S. 61)

Standard-Bildungsziele gelten auch für FS Sehen; Schwerpunkt auf bewusstem, reflektiertem Medienumgang.


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