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Fortbildungen für Lehrpersonen wirksam gestalten

Herausgeber: Bertelsmann Stiftung
Autorenschaft: Forschende der Universität Kassel (Lehrstuhl Empirische Schul- und Unterrichtsforschung)
Erscheinungsjahr: 2020/2021
Untertitel: Ein praxisorientierter und forschungsgestützter Leitfaden

Der Leitfaden fasst internationale Forschungsbefunde zur Wirksamkeit unterrichtsbezogener Lehrkräftefortbildungen zusammen und leitet daraus 10 Thesen ab. Er richtet sich an alle Personen, die Fortbildungen konzipieren, planen und durchführen — Ministerien, Landesinstitute, Schulämter, Hochschulen und freie Träger.


Wirkungsmodell: Angebots-Nutzungs-Modell

Fortbildungserfolg ist multifaktoriell bedingt (nach Lipowsky & Rzejak 2019):

Einflussfaktor Beispiele
Merkmale der Fortbildner Wissen, Überzeugungen, Motivationsfähigkeit, Fähigkeit zur Relevanzverdeutlichung
Qualität/Quantität der Lerngelegenheiten Didaktisch-curriculare Merkmale, Prozess- und Interaktionsqualität
Voraussetzungen der Teilnehmenden Vorwissen, Motivation, Überzeugungen, Selbstwirksamkeitserwartungen
Schulkontext Unterstützung durch Schulleitung/Kollegium, Nähe zum Schulprogramm, Transfervorstellungen

4 Ebenen des Fortbildungserfolgs:
1. Akzeptanz und Zufriedenheit der Lehrpersonen
2. Erweiterung von Wissen, Motivation, Überzeugungen
3. Weiterentwicklung des unterrichtlichen Handelns
4. Förderung des Lernens der Schülerinnen und Schüler

Wirksamkeit im engeren Sinne bezieht sich auf Ebenen 2–4. Zufriedenheit (Ebene 1) allein ist kein valider Indikator.


10 Thesen wirksamer Fortbildungen

A. Inhaltliche Ausrichtung (Thesen 1–5)

These 1 — Orientierung an der Tiefenstruktur von Unterricht

Wirksame Fortbildungen orientieren sich am Stand der Unterrichtsforschung und setzen an Tiefenmerkmalen an:
- Kognitive Aktivierung der Lernenden
- Inhaltliche Klarheit des Unterrichts
- Qualität des Lehrerfeedbacks
- Metakognitive Förderung
- Effektive Klassenführung, störungsarmer Unterricht

Oberflächenmerkmale (Sozialformen, Methoden, Medien) sind zwar leicht beobachtbar, aber weniger lernwirksam. Auch bei digital gestütztem Unterricht sind Tiefenmerkmale entscheidender als die Wahl der Tools.

These 2 — Selbstgesteuertes Lernen der Schülerinnen und Schüler

Fortbildungen bauen Wissen über Lernstrategien auf (kognitiv, metakognitiv, motivational) und befähigen Lehrpersonen, Lernende in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen. Trainings zur Förderung selbstgesteuerten Lernens zeigen positive Effekte auf Lernerfolg und Motivation. Digitale Medien erhöhen die Anforderungen an Selbststeuerung — machen Förderung nicht überflüssig, sondern noch wichtiger.

These 3 — Fokussierung auf Kernpraktiken (Core Practices)

Fortbildungen greifen relevante Kernpraktiken auf — unterrichtliche Handlungsweisen, die nahezu in jedem Unterricht vorkommen und nachweislich lernwirksam sind:
- Feedback geben
- Sachverhalte erklären
- Unterrichtsgespräche führen
- Lernstände diagnostizieren
- Fragen stellen, Aufgaben gestalten

Geeignete Formate: Lesson Studies, Learning Studies, Microteaching-Ansatz, Core-Practices-Ansatz.

These 4 — Inhaltliche Fokussierung (in die Tiefe gehen)

Wirksame Fortbildungen haben einen engen inhaltlichen Fokus — z. B. auf ein Fachcurriculum, eine Unterrichtseinheit oder eine spezifische Lernstrategie. Die Lernsituation in der Fortbildung ähnelt der Anwendungssituation → erleichtert Transfer. Pädagogischer Doppeldecker: Lehrpersonen begegnen Aufgaben, mit denen auch ihre Schülerinnen und Schüler konfrontiert werden.

These 5 — Förderung des Wirksamkeitserlebens

Wirksame Fortbildungen machen den Zusammenhang zwischen Lehrerhandeln und Schülerlernen sichtbar — z. B. durch Videoaufzeichnungen und -analyse, Unterrichtsdokumentationen, Schülerartefakte. Stärkt Selbstwirksamkeitserwartung und intrinsische Motivation der Lehrpersonen.


B. Methodisch-didaktische Gestaltung (Thesen 6–10)

These 6 — Stärkung der kollegialen Kooperation

Fortbildungen etablieren unterrichtsbezogene Zusammenarbeit — nicht Kooperation per se, sondern mit inhaltlichem Fokus auf Unterrichtsqualität und Schülerlernen:
- Professionelle Lerngemeinschaften (gemeinsame Werte, gegenseitiges Feedback, kollegiale Unterrichtshospitationen)
- Lesson Study / Learning Study / Study Groups / Quality Teaching Rounds
- Auch virtuell möglich; Videokonferenztools können kollegiale Kooperation befördern
- Schulleitung muss Zeitgefäße bereitstellen

These 7 — Input–Erprobung–Reflexion verknüpfen

Wirksame Fortbildungen beschränken sich nicht auf Input-Phasen, sondern schaffen Gelegenheiten zur Erprobung im eigenen Unterricht und anschließender Reflexion. Theoretischer Hintergrund: situiertes Lernen, ACT-R-Theorie (Aufbau prozeduraler Handlungsmuster durch wiederholtes Üben und Feedback). Längere Fortbildungsreihen ermöglichen multiple Erprobungs- und Reflexionsschleifen.

These 8 — Feedback und Coaching

Fortbildungen mit positivem Effekt enthalten unterrichtsbezogene Rückmeldungen — oft eingebettet in umfassendes Coaching:
- Peer-Feedback unter Lehrpersonen
- Expertenfeedback (Fortbildner hospitiert, gibt strukturierte Rückmeldung)
- Basis häufig: Videosequenzen aus dem eigenen Unterricht
- Coaches: regen zur Reflexion an, demonstrieren (Modeling), stellen Praxis-Wissenschafts-Verbindung her, unterstützen Transfer

These 9 — Angemessene Fortbildungsdauer

Kein linearer Zusammenhang zwischen Dauer und Wirksamkeit. Kurzformate ("One-Shot") haben in der Regel geringes Wirksamkeitspotenzial, weil Erprobungs- und Reflexionsphasen fehlen. Aber: Auch kurze Fortbildungen können wirksam sein, wenn die Inhalte sich empirisch belegen lassen und Transfer-Unterstützung vorhanden ist. Ziele der Fortbildung bestimmen den Zeitbedarf. Digitale Formate (asynchrone Phasen, Flipped Classroom) erhöhen zeitliche Flexibilität.

These 10 — Bedeutsame Inhalte und Aktivitäten (Praxisbezug)

Lehrpersonen erleben Fortbildungsinhalte als relevant, wenn diese Bezug zur eigenen Unterrichtspraxis haben. Geeignete Maßnahmen:
- Unterrichtsvideos und Fallbeispiele aus dem eigenen oder fremden Unterricht
- Lehrpersonen arbeiten mit gleichen Materialien wie ihre Schülerinnen und Schüler
- Fortbildungsinhalte im eigenen Unterricht erproben
- Moderate Neuigkeitseffekte anstreben (nicht zu vertraut, nicht zu fremd)
- Professionale Lerngemeinschaften im Schulkollegium


Bezug zu Digitaler Bildung

Der Leitfaden betont explizit: Merkmale guten Unterrichts gelten für jede Unterrichtsform — Präsenz, hybrid, Fernunterricht. Im digital gestützten Unterricht müssen Tiefenmerkmale jedoch „neu ausbuchstabiert" werden. Kernfragen:
- Wie lassen sich Lernende durch digitale Tools kognitiv aktivieren (nicht nur beschäftigen)?
- Wie können Selbststeuerungsfähigkeiten in digitalen Lernumgebungen gefördert werden?
- Wie lässt sich kooperatives und problemlösendes Lernen in virtuellen Formaten umsetzen?
- Wie kann die pädagogische Beziehung im Fernunterricht aufrechterhalten werden?

Online- vs. Präsenzfortbildungen: Bisher keine systematischen Wirksamkeitsunterschiede nachweisbar — wenn didaktische Merkmale vergleichbar sind. Online-Formate müssen diese Merkmale aber anders realisieren (kürzere Inputphasen, mehr Interaktionsgelegenheiten, stärkere Strukturierung asynchroner Kooperation).


Kompetenzen von Fortbildnerinnen und Fortbildnern (Kapitel 3)

Gute Lehrkraft zu sein ≠ gute Fortbildnerin/guter Fortbildner. Zwei Kompetenzebenen erforderlich:

Ebene Inhalt
Ebene 1 Eigene Unterrichtskompetenz (Fachwissen, fachdidaktisches Wissen, pädagogisch-psychologisches Wissen)
Ebene 2 Spezifische Fortbildungskompetenz (Wissen über Professionaliserungsforschung, Merkmale wirksamer Fortbildungen, Lernpsychologie Erwachsener)

Kompetenzbereiche (nach GRETA-Modell adaptiert):
- Überzeugungen/Werthaltungen: Rollenverständnis (Facilitator vs. Transmitter), konstruktivistische Lehr-/Lernüberzeugungen
- Motivationale Orientierungen: Selbstwirksamkeitserwartung, Enthusiasmus, inhaltliches Interesse
- Selbstregulative Fähigkeiten: Ressourcenmanagement, Balance Engagement/Distanzierungsfähigkeit
- Professionswissen: Fachwissen (Fortbildungsthema + Unterrichtsforschung), fachdidaktisches Wissen, pädagogisch-psychologisches Wissen, Beratungswissen

Forschungsstand: Kaum standardisierte Erfassungsinstrumente; Qualifizierung von Fortbildenden bisher unzureichend.


Handlungsbedarfe und strukturelle Herausforderungen (Kapitel 4)

  • Unterfinanzierung: Verfügbare Mittel reichen bei Weitem nicht für qualitativ hochwertige Fortbildungen
  • Kein systematisches Monitoring: Keine verlässlichen bundesweiten Daten zu Themen, Dauer, Teilnahmequoten
  • Fortbildungspflicht kaum kontrolliert: 17–30 % der Lehrkräfte ohne Fortbildung in den letzten zwei Jahren (IQB-Studien)
  • Kaskadenmodelle problematisch: Bei jeder Weitergabe-Stufe gehen Inhalte und Kompetenz verloren
  • Wechselnde bildungspolitische Themen: Kurze One-Shot-Fortbildungen zu wechselnden Themen versprechen kaum unterrichtliche Veränderungen
  • Lösungsansätze: Länderübergreifende Online-Plattformen, DZLM als Vorbild, stärkere Kooperation mit Wissenschaft, "teacher leaders" in Schulen

Einordnung für bayerischen Kontext

Der Leitfaden liefert die Forschungsgrundlage für die in Bayern verwendeten Qualitätskriterien im Fortbildungsbereich. Das K+5-Modell operationalisiert Tiefenmerkmale (These 1) für den bayerischen Kontext. Die RefNetzDB-Checklisten orientieren sich explizit an den 10 Merkmalen dieses Leitfadens.


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