KJM: Handlungsempfehlungen Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt
Titel: âEntwicklung stĂ€rken, Verantwortung ĂŒbernehmen â FĂŒr ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt"
Herausgeber: UnabhĂ€ngige Expertenkommission âKinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" (BMBFSJ)
Eingesetzt: September 2025 (durch Bundesministerin BMBFSJ)
Kurzfassung: Juni 2026
Volltext HE: ca. Mitte Juli 2026
Abschlussbericht: Mitte September 2026
Grundlage: Bestandsaufnahme (veröffentlicht 20. April 2026); 56 Handlungsempfehlungen (HE)
Grundstruktur: Trias + zwei Perspektiven
Die Trias
- Schutz â begrenzt Risiken vorausschauend, stellt wirksame Hilfe bereit
- BefĂ€higung â fördert Wissen, UrteilsfĂ€higkeit und Selbstregulation
- Teilhabe â sichert Zugang, MeinungsĂ€uĂerung und Mitgestaltung
Die drei Dimensionen bedingen einander: Schutz darf nicht in pauschalen Ausschluss mĂŒnden; BefĂ€higung darf strukturelle Verantwortung nicht auf Kinder abwĂ€lzen.
FĂŒnf Leitprinzipien
- An BewĂ€hrtes anschlieĂen, skalieren, verstetigen â erprobte Strukturen dauerhaft sichern statt neue befristete MaĂnahmen
- Vertrauen und FlexibilitĂ€t vor Ort â Schulen können nicht unbegrenzt neue Aufgaben ĂŒbernehmen
- Verantwortungsgemeinschaft â strukturelle Risiken nicht ânach unten" an Kinder/Eltern delegieren
- Wirksamkeit durch Koordination â Reibungsverluste Bund/LĂ€nder/Kommunen abbauen
- Vorausschauend bei KI â generative KI als Querschnittsthema; Vorsorgeprinzip
Zwei Modell-Perspektiven
- Entwicklungsorientierte Perspektive â 6 Lebensphasen (Biografie im Zentrum): Was brauchen Kinder?
- Verantwortungsbasiertes Modell â 8 Akteursgruppen: Wer muss handeln?
Entwicklungsorientierte Perspektive â 6 Lebensphasen
| Phase | Alter | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| I | 0â2 J. | Entlastete frĂŒhe Kindheit (Eltern stĂ€rken, analoge RĂ€ume) |
| II | 3â5 J. | Begleitete erste Medienaneignung (Kita, FrĂŒhe Hilfen) |
| III | 6â9 J. | Sicher entdecken, Grundlagen erwerben (Grundschule) |
| IV | 10â12 J. | BefĂ€higt navigieren (Safer Spaces, Medienkompetenz) |
| V | 13â17 J. | Selbstbestimmt teilhaben und Hilfe nutzen |
| VI | 18 J.+ | ĂbergĂ€nge bruchfrei gestalten |
Verantwortungsbasiertes Modell â 8 Akteursgruppen
- Eltern und Familie
- FrĂŒhe Bildung, Schule, Hochschule
- Kinder- und Jugendhilfe / Soziale Arbeit / Sozialraum
- Gesundheit, Beratung, Therapie
- Beschwerdestellen, Fachstellen, Sicherheitsbehörden
- Plattformen, Anbieter, Industrie
- Forschung
- Gesamtsteuerung und Beteiligung
Schulrelevante Handlungsempfehlungen
HE 10: Digitale Bildung in der Grundschule stÀrken
Sachunterricht und Nachmittagsbereich nutzen; digitale Grundbildung ab Phase III (6â9 J.) systematisch.
HE 12: âKI-Seepferdchen" â GrundverstĂ€ndnis fĂŒr KI
Verpflichtendes, online erwerbbares und kindgerechtes Zertifikat zu Chancen/Gefahren von KI, zunĂ€chst fĂŒr Grundschulalter. Anschubservice Bund, Vermittlung durch LĂ€nder, Pflege durch âExpertenrat KI und Kinder".
HE 13: Algorithmen- und KI-Kompetenz im Bildungskontext fördern (AI Literacy)
HE 14: Ansprechperson mit medienpĂ€dagogischer Expertise fĂŒr medienbezogene Anliegen
HE 15: Medienkompetenz in Sek I/II durch (Peer-to-Peer-)Programme stÀrken
Bundesweite Datenbank/Plattform wissenschaftlich geprĂŒfter Programme; LĂ€nder dokumentieren eingesetzte Programme. â FĂŒr Bayern direkt relevant: src-digitalkompass-chat-social-media (Chat-Kompass GS, Social Media Kompass Jg. 5â8)
HE 16: Private Nutzung digitaler EndgerÀte an Schulen regeln
- GS + bis Jg. 7: private Nutzung im Unterricht, auĂerunterrichtlichen Angeboten und Pausen bundesweit einheitlich untersagt
- Ab Jg. 8: Schulen erarbeiten unter Beteiligung der SuS verbindliche Nutzungskonzepte
Plattform-Regulierung (schulrelevant)
HE 36: Risiko- und designorientiert regulieren â zwei Alternativen
Art. 28 Abs. 1 DSA zu unspezifisch; Mindestalter 15/16 J. zu pauschal. Die Kommission empfiehlt konkrete Schutzstandards je Altersgruppe:
- Alternative 1: Gesetzliche Mindestaltersgrenze 13 J. fĂŒr Social-Media-Accounts mit wirksamer AltersprĂŒfung + abgestuften Standards fĂŒr 13â16 und 16â18 J.
- Alternative 2: Keine einheitliche Altersgrenze, stattdessen dienst- und funktionsspezifische BeschrÀnkungen (z. B. algorithmische Feeds, offene Kontaktfunktionen, Livestreams)
Nationale AlleingÀnge sollen vermieden werden (harmonisierter DSA).
HE 37: Jugendschutz by Design und by Default
FĂŒr Accounts MinderjĂ€hriger: verbindlicher Katalog sicherer Voreinstellungen:
- Keine algorithmischen Feeds
- Keine personalisierte Werbung
- Verbot suchtverstÀrkender Funktionen (Endlos-Feeds, Auto-Play, Confirmshaming)
HE 38: Wirksame und datenschutzgerechte Altersbestimmung
Biometrische/verhaltensdatenbasierte Verfahren gefÀhrden PrivatsphÀre. Anforderungen:
- UnverknĂŒpfbarkeit von Aussteller und PrĂŒfer
- Selektive Offenlegung (nur ob Altersgrenze erreicht)
- Biometrische Daten nur auf dem EndgerÀt
- Keine Weiternutzung fĂŒr Werbung/Tracking
KI-spezifische Empfehlungen
HE 44: Nutzungsrisiken in JuSchG und JMStV KI-bezogen erweitern
Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nennen KI-Funktionen wie bildgenerative KI und Chatbot-Kommunikation bisher nicht explizit â ergĂ€nzen um Nutzungsrisiken generativer KI (Text, Ton, Bild) sowie Kommunikationsrisiken bei Bot-Nutzung.
Verbindung zu src-ai-act-overview-fol â EU AI Act regelt Hochrisiko-KI, adressiert Jugendschutz-Nutzungsrisiken aber noch unzureichend.
HE 46: AI Companions â Altersgrenze als SofortmaĂnahme
AI Companions erzeugen emotionale AbhĂ€ngigkeit (parasoziale Beziehungen, psychische Belastung). Empfehlung (EU-Ebene): Gesetzliche Altersgrenze 13 Jahre fĂŒr AI Companions + Anbieterpflichten:
- ZuverlĂ€ssige AltersprĂŒfung
- Jugendgerechte Voreinstellungen
- Schutz gegen emotionale AbhÀngigkeit
- Klar erkennbare Hinweise, dass es sich nicht um eine menschliche Beziehung handelt
Gesundheits- und Schutzempfehlungen
HE 28: Medienerziehung und Gesundheit zusammen denken
Beratung zu Mediennutzung und Medienerziehung verbindlich in Vorsorgeuntersuchungen aufnehmen (Kinder- und JugendÀrzte als Vertrauenspersonen).
HE 32: Kinderonlinewache â bundeseinheitliche Anzeige- und Meldestelle
Bestehende Internetwachen auf Erwachsene zugeschnitten â kindgerechte, bundeseinheitliche Meldestelle mit altersgerechtem Design, direkter Chat-Kommunikation, pĂ€dagogischer Begleitung.
Umsetzungsstrategie
HE 56: Vom Wissen zum Handeln
- Sofort-Programm 2026
- Gestaltungs- und Umsetzungsformate
- Digitaler RĂŒckkanal
- Verbindliches Wirkungsmonitoring
Ziel: Lernendes Umsetzungssystem, das Fehlentwicklungen sichtbar macht.
Einordnung
- Bundesebene, nicht Bayern-spezifisch â adressiert EU, Bund, LĂ€nder, Kommunen und Plattformen
- Schule ist eine von acht Akteursgruppen (nicht der einzige Verantwortliche)
- FĂŒr bayerische Schulpraxis relevant vor allem: HE 12 (KI-Seepferdchen), HE 15 (Medienkompetenz), HE 16 (Private GerĂ€te), HE 46 (AI Companions)
- FĂŒr BdB/IT-Beratung relevant: HE 16 (Regelung private GerĂ€te) als mögliche neue Rahmenvorgabe
Backlinks
- src-ai-act-overview-fol â EU AI Act (Hochrisiko-KI, Bildungsbereich)
- src-msdigital-ki-msd â KI-Einsatz im MSD (bayerische Schulpraxis)
- src-kms-ki-an-schulen-2024 â StMUK-KMS zur KI an Schulen
- src-isb-faq-mobile-endgeraete â ISB-ForschungsĂŒberblick mobile EndgerĂ€te
- src-datenschutz-schulen-stmuk â Datenschutz-Grundlagen bayerischer Schulen
- src-broken-buried-missing-social-media-safety â empirische Studie: Kindersicherheitsfunktionen auf Instagram/Snapchat/TikTok/YouTube scheitern ĂŒberwiegend; bestĂ€tigt Notwendigkeit von HE 37 (Safety by Design/Default)