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Wissenschaftliche Begleitstudie: Schule von morgen

Titel: Abschlussbericht — Wissenschaftliche Begleitstudie zum Forschungsprojekt „Schule von morgen"
Untertitel: Konzeption für eine zukunftsorientierte und moderne Bildung im Landkreis Aschaffenburg: Der 1:1-Einsatz von iPads in unterschiedlichen Schularten
Institution: Universität Würzburg, Institut für Psychologie, Professur für Entwicklungspsychologie
Förderer: Bayerisches Staatsministerium für Digitales (StMD)
Laufzeit: Juli 2022 – Mai 2025
Abschlussbericht: Juli 2025
Forschungsgebiet: 12 weiterführende Schulen in Bayern


Ausgangslage und Zielsetzung

Anlass: Internationale Diskussion um Vor- und Nachteile der Schuldigitalisierung (Schweden/Dänemark: Rückkehr zu analogen Methoden auf Basis Karolinska-Stellungnahme 2023). Kritik: Viele der zitierten Studien methodisch eingeschränkt (falsche Zielgruppe, Freizeitkontext, Cherry Picking positiver vs. negativer Studien).

Projektinitiative: Im Landkreis Aschaffenburg strebten Lehrkräfte eine vollständige 1:1-Ausstattung ganzer Schulen an. 50 % Teilfinanzierung durch Landratsamt ermöglichte 8 weiterführende Schulen im Landkreis die vollständige Tablet-Ausstattung aller Lehrkräfte und Schülerinnen.

Forschungsfrage: Welche Effekte hat eine 1:1-Ausstattung mit Tablets an weiterführenden Schulen auf schulische Leistung, Motivation, Kollaboration und Medienkompetenz? Unter welchen Bedingungen wirken Tablets lernförderlich?


Methodik

Studiendesign

  • Experimentalgruppe (EG): 8 Schulen Landkreis Aschaffenburg mit vollständiger 1:1-Tablet-Ausstattung (iPads)
  • Kontrollgruppe (KG): 4 Schulen ohne oder mit nur sporadischer Tablet-Nutzung (Leihgeräte) aus unterfränkischen und oberbayerischen Landkreisen

Schularten

  • Gymnasien
  • Realschulen
  • Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen

Datenerhebung (2022–2025)

Zeitraum Erhebung
07–10/22 Lehrkräfte-Umfrage + Leitfadeninterviews
11/23–02/24 Kollaboration und Motivation der SuS
02–04/24 Validierung Medienkompetenz-Tests
04–09/24 Lesen und Rechtschreibung
01–02/25 Mathematikfähigkeit
01–03/25 Medienkompetenz (EG)
04–05/25 Biologie + Lehrkräfte-Umfrage (Abschluss)

Besonderheit: Objektive Nutzungsmessung

Eigens entwickelte App „Datenspende Uni Würzburg" (iOS, seit 07.06.2023 im App Store):
- Erfasst Tablet-Nutzung pseudonymisiert und automatisch
- Netzwerkfilter (Apple Network Extension) zeichnet Netzwerkverkehr auf
- App-Datenschutzbericht dokumentiert Daten-/Sensor-/Netzwerkzugriffe
- Stundenplandaten (UNTIS-Export) ordnen Nutzung konkreten Unterrichtsfächern zu


Kernergebnisse

Motivation und Kollaboration ✓

  • Tablet-Schulen: signifikant höhere intrinsische Motivation und kollaborative Lernformen
  • Tablets schwächen den typischen Motivationsabfall über die Schullaufbahn ab
  • Wichtig: Leihgeräte erzielen KEINE positiven Effekte — nur Eigengeräte (1:1-Ausstattung) wirken!

Fächerbezogene Leistungen ✓

  • Deutsch, Mathematik, Biologie: 1:1-Ausstattung → mehr Kollaboration → höhere Unterrichtsmotivation → bessere Noten (indirekter Effekt)
  • Deutsch: zusätzlich direkter positiver Zusammenhang Tablet-Nutzung ↔ Notenleistung

Medienkompetenz ✓

  • Tablet-SuS schneiden im selbst entwickelten Medienkompetenz-Test gut ab
  • Positive Korrelation: höhere Medienkompetenz → bessere schulische Leistungen
  • Achtung: Subjektive Selbsteinschätzungen der SuS sind kein zuverlässiger Indikator für tatsächliche Medienkompetenz

Objektive Tablet-Nutzung (Daddel-Index) ✓

  • Tablets werden meist punktuell und gezielt eingesetzt
  • Durchschnittliche Nutzung: 5–8 Minuten pro Unterrichtsstunde
  • Instruktionsfremde Nutzung („Daddeln"): max. ca. 1,8 % der gesamten Unterrichtszeit
  • → Deutlich geringer als in öffentlicher Diskussion unterstellt

Lehrkräfte-Perspektive ✓

  • Über die Hälfte der Lehrkräfte setzt Tablet in jeder Unterrichtsstunde ein (freiwillig, ohne Vorgabe)
  • Kein signifikanter Zusammenhang zwischen Dienstalter und Nutzungsintensität (r = -0,06) — Alters-Stereotyp empirisch widerlegt
  • Mit wachsender Erfahrung: höhere Akzeptanz + Kompetenz
  • Hauptvorteile laut Lehrkräften: selbstständiges Arbeiten, individuelle Förderung, organisatorische Entlastung, weniger vergessene Materialien

Handlungsempfehlungen

1. Organisatorische Rahmenbedingungen

  • Ausreichend Zeit und Ressourcen für Kompetenzerwerb und Weiterbildungen bereitstellen
  • Keine verbindlichen Vorgaben zur Nutzung im Unterricht (Reaktanz-Vermeidung; Lehrkräfte nutzen ohnehin sensibel)
  • Stabile WLAN-Infrastruktur als unverzichtbare Grundlage (WLAN-Ausfälle stören Unterricht erheblich)
  • Auch bei privaten Eigentumsverhältnissen: zentrale Verwaltung über Schule (MDM, Whitelisting/Blacklisting)

2. Digitale Medien gezielt für kollaboratives Lernen nutzen

  • Unterrichtsformen stärken, die kooperatives, selbstbestimmtes Lernen fördern
  • Freiräume für eigenständige Nutzung schaffen und didaktisch begleiten
  • 1:1-Ausstattung (nicht Leihgeräte) für Kollaborations- und Motivationseffekte

3. Digitale Medien ≠ schlechtere Leistungen

  • Kein Anlass für pauschale Einschränkungen digitaler Medien zu Lernzwecken
  • Digitale Schulbücher/Notizapps als Ersatz analoger Angebote möglich
  • Je nach Kompetenz der Klasse und bei Schreibaufgaben: ggf. auf Papier zurückgreifen (Handschrift/Rechtschreibung)

4. Lehrkräfte nutzen Geräte gezielt und punktuell

  • Keine Panik vor „Daddeln" — objektive Daten zeigen sehr geringe instruktionsfremde Nutzung
  • Zum Ende einer Unterrichtsstunde: verstärktes Augenmerk auf Daddeln

5. Medienkompetenz systematisch fördern

  • Inhaltliche Kompetenzen (Glaubwürdigkeitsbewertung, Medialitätsbewusstsein, Medienwissen)
  • Verfassungsviertelstunde als Format für kritischen Umgang mit Desinformation

Methodische Limitationen

  • Keine randomisierte Zuteilung (praxisnahe Auswahl, aber Confounding möglich)
  • Repräsentativität eingeschränkt (Bayern, weiterführende Schulen)
  • Rolle der Lehrkraft noch nicht vollständig erfasst
  • „Daddel-Index" auf inhaltliche Analysen erweiterbar
  • App „Datenspende Uni Würzburg" als Forschungstool weiterentwicklungsfähig

Einordnung in den Forschungsstand

  • Von 17 eingeschlossenen Studien (Literaturreview): 11 positiv, 6 neutral (kein Effekt)
  • Neutrale Ergebnisse besonders dann, wenn Tablets ohne klare didaktische Struktur eingesetzt oder Lehrkraftrolle passiv war
  • Diese Studie: erste bayerische Studie mit vollständiger 1:1-Ausstattung an weiterführenden Schulen und objektiver Messung der Tablet-Nutzung