PISA 2026 im Interview — „Die Bereitschaft der Gesellschaft, Leistung einzufordern, ist gesunken"
Quelle: DIE ZEIT Nr. 39 vom 10.09.2026, Ressort Wissen, S. 31 (Rubrik „Schule")
Interviewpartner: Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, Koordinator der PISA-Studien (Person des öffentlichen Lebens in öffentlicher Funktion — Namensnennung nach Wiki-Datenschutzregel zulässig)
Anlass: Veröffentlichung der neunten PISA-Erhebung
Einordnung: Journalistisches Interview, keine Primärquelle. Die genannten Zahlen sind Aussagen des OECD-Bildungsdirektors im Gespräch, nicht dem PISA-Bericht entnommen. Für belastbare Zitate ist der Originalbericht heranzuziehen.
Befund: schlechtestes je gemessenes Niveau
- Die Leistungen deutscher 15-Jähriger in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften liegen auf dem niedrigsten jemals gemessenen Niveau.
- Deutschland hat seit 2015 rund 40 Leistungspunkte verloren. Faustregel: 10 Punkte ≈ ein halbes Schuljahr.
- Nach dem PISA-Schock 2001 wirkten Reformen (mehr Bildung in den Kitas, Bildungsstandards/Vergleichbarkeit) messbar positiv — seit 2010 fällt die Leistungskurve beständig ab.
- Deutungsangebot Schleicher: „Es sieht so aus, als habe Deutschland resigniert."
Internationaler Trend
- Die Leseleistung ist in den vergangenen sieben Jahren in drei Vierteln der vergleichbaren OECD-Länder um 25 Punkte gesunken — mehr als ein Lernjahr.
- Auffällig: Schüler aus wohlhabenden Familien sind besonders stark zurückgefallen, nicht die aus benachteiligten Elternhäusern.
Erklärungsansätze
| Faktor | Aussage |
|---|---|
| Migration | Erklärt höchstens 10 der 40 verlorenen Punkte. Der hohe Migrantenanteil hat nicht alle Schulen verändert — Geflüchtete landen häufig an Schulen, die ohnehin massive Probleme haben. |
| Digitale Ablenkung | Digitale Technologien stellen klassisches Lernen infrage; die Ablenkung ist „enorm". |
| Elternrolle | Eltern verstehen sich zunehmend als Kunden von Schule, nicht als Beteiligte. |
| Leistungserwartung | Die gesellschaftliche Bereitschaft, Leistung einzufordern, ist gesunken. Belege: Schüler erleben zu selten echtes Interesse der Lehrkräfte an ihrer Person; es besteht eine Diskrepanz zwischen Schulnoten und tatsächlichen Leistungen („Prima, hast du gut gemacht" trotz schwacher PISA-Leistung). |
| Verantwortungsdiffusion | Drei Ebenen (Länder, Kommunen, Bund) entscheiden über Schule — Lehrkräfte, Sozialarbeiter/Gebäude/Computer, Programmgelder. Das macht das System unbeweglich, während sich die Welt außerhalb schneller verändert. |
Zur sozialen Schieflage: Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen sich die Abhängigkeit zwischen Herkunft und Schulerfolg in den vergangenen vier Jahren verstärkt hat. Schulen in schwierigen Lagen seien in Deutschland schlechter ausgestattet als Schulen in günstigem Umfeld („am unteren Ende der Skala") — entsprechend gewinne man dort nicht die besten Lehrkräfte. „Falsche Anerkennung ist keine Unterstützung": Abgesenkte Leistungserwartungen helfen gerade Kindern aus ungünstigem Umfeld nicht.
Kritik am Startchancen-Programm: Statt die Aufteilung nach der vierten Klasse grundlegend zu verändern, versuche man die sozialen Folgen zu behandeln — „So löst man nicht das Kernproblem." → vgl. src-startchancen-programm (in Bayern: 580 Schulen, davon 60 Förderzentren).
Digitalisierung und KI — der für dieses Wiki zentrale Teil
Konsumtive statt kreative Nutzung
In den PISA-Begleitbefragungen zeigt sich für Deutschland in den letzten drei Jahren: konsumtive Techniknutzung gestiegen, kreative Nutzung gesunken. Schüler sehen Videos auf Instagram und TikTok, statt eigene Inhalte zu gestalten.
„Technologie kann uns helfen, wenn sie menschliche Fähigkeiten verstärkt, aber nicht, wenn sie diese ersetzt. Schlecht gemachte Digitalisierung ist die größte Gefahr."
- „Es bringt überhaupt nichts, Tablets zu verteilen, ohne zu wissen, wie man sie einsetzt, um den Lernerfolg zu steigern."
- „Es bringt auch nichts, ChatGPT in der Schule zu erlauben, weil wir annehmen, das sei die Zukunft."
Tiefes Lesen und Verstehen
In der informationsüberfluteten Welt verlernen Schüler, „in die Tiefe zu denken": Komplexe Texte zu verstehen und Gelerntes zu verknüpfen fällt schwerer. Im aktuellen PISA-Test lasen die 15-Jährigen bei doppelt so vielen Leseaufgaben schnell, aber nicht mehr korrekt.
KI als Anstrengungsvermeidung
„Die KI verlangt ja nicht, dass wir uns anstrengen, sie legt uns die Antworten fertig vor. Aber ohne Anstrengung lernen wir nicht."
Bild: Man wird nicht fit, wenn man Sport im Fernsehen anschaut. Ein Buch selbst zu lesen ist ein komplexer Vorgang (Charaktere vorstellen, sich auseinandersetzen) — die Chatbot-Zusammenfassung nimmt „das Denken und Fühlen ab".
PISA misst ab 2029 KI-Kompetenz
Geprüft werden soll nicht die Bediengeschwindigkeit am Computer, sondern:
- Verständnis des Prinzips von Algorithmen
- Verständnis, wie KI Verzerrungen und Einseitigkeiten verstärkt
- Funktionsweise von Chatbots
- Wie der Mensch autonom bleibt
Ausdrücklicher Zusatz: „All das kann man übrigens ganz ohne Computer lernen." → Deckt sich inhaltlich weitgehend mit dem OECD-KI-Kompetenzrahmen (4 Kompetenzbereiche) und mit dem KI-Verständnis in src-digcompedu-bavaria.
Geräte, Grundschule, Handyverbote
| Frage | Antwort Schleicher |
|---|---|
| Altersgrenze für digitale Geräte? | Keine feste Grenze — aber unklar, „welchen Zugewinn digitale Geräte in der Grundschule bieten sollen". Lesekompetenz entwickelt sich besser mit Büchern als digital; Papier hilft beim Verknüpfen und Merken. |
| Weiterführende Schulen | Schon die letzte PISA-Studie zeigte einen auffälligen Zusammenhang zwischen häufigem Computereinsatz im Klassenzimmer und geringeren Leistungen. |
| Skandinavien | Schweden und Dänemark hatten als erste Bücher aus den Schulen verbannt, „haben gemerkt, was sie damit angerichtet haben" und holen die Bücher zurück. |
| Private Handynutzung verbieten? | PISA-Daten zeigen: private Handynutzung in der Schule korreliert stark mit schlechteren Schulleistungen; in Schulen mit Handyverbot sind Schüler deutlich weniger abgelenkt. Schule ist ein sozialer Raum — Pausen sind zum Reden da, nicht für TikTok. |
Positivbeispiel: Technik, die verstärkt statt ersetzt
Grundschule Shanghai (2018): Kalligrafiestunde traditionell mit Pinsel und Tinte — Scanner in den Tischen, daneben ein Gerät mit interaktiver Rückmeldung zur Qualität der Arbeit; die Lehrkraft sieht, wo Schüler etwas nicht verstanden haben; nachmittags wertet ein Lehrerteam die Daten der Stunde gemeinsam aus.
Prüffrage für jeden Technikeinsatz: „Verstärkt sie den Erfolg des Lernens, oder macht sie das Lernen nur bequemer?"
Was in leistungsstarken Systemen anders läuft
- Japan: Lehrkräfte verbringen viel Zeit mit Schülern außerhalb des Unterrichts — nicht nur für Lerndefizite und Zusatzaufgaben, sondern auch für soziale Belange. Dafür unterrichten sie deutlich weniger, übernehmen aber umfassend Verantwortung, statt sie an andere Professionen auszulagern (wie es in Deutschland zunehmend geschehe).
- Asiatische Länder allgemein: kaum soziale Disparitäten, weil von jedem Schüler erwartet wird, gut zu sein, und jede Lehrkraft alles Nötige tut. Die Schule vor Ort trägt die Verantwortung für den Erfolg — „und niemand sonst".
- Deutschland: Verantwortung wird abgeschoben (Politik, Geld, Eltern); unmotivierte Kinder werden auf Schulen mit niedrigeren Anforderungen geschickt. „Für das schulische Versagen eines Kindes wird hierzulande niemand zur Rechenschaft gezogen."
Relevanz für die Beratungsarbeit
- Gegengewicht zur Ausstattungslogik. Sämtliche im Wiki dokumentierten Finanzierungsinstrumente (concept-4-saeulen-zuschuss, SchulMobE, dsdz) regeln Ausstattung. Dieses Interview liefert die Begründung, warum Beratung beim Einsatzkonzept ansetzen muss — deckungsgleich mit dem K+5-Modell und dem Digitalkompass-Ansatz („Konzept vor Gerät", src-kms-digitale-bildung-schuljahr-2627).
- Stützt die bayerische Handy-Leitplanke. Die PISA-Korrelation private Handynutzung ↔ Leistung ist das empirische Argument hinter Art. 56 Abs. 5 BayEUG und der Agenda Digitale Balance.
- Vorsicht bei der Grundschul-Argumentation. Die Aussage „Lesekompetenz entwickelt sich besser mit Büchern" berührt direkt Leseförderprogramme wie FiLBY/BYLES — dort geht es allerdings um Diagnostik und Förderung, nicht um digitales Lesen als Ersatz gedruckter Texte.
- KI-Kompetenz ohne Gerät. Für Förderschulen praktisch wertvoll: KI-Verständnis (Algorithmus, Bias, Autonomie) lässt sich unplugged aufbauen — vgl. src-elementarinformatik-vhb.
Spannungen zu anderen Wiki-Quellen
| Diese Quelle | Gegenposition / Differenzierung |
|---|---|
| Häufiger Computereinsatz korreliert mit geringeren Leistungen | src-schule-von-morgen-begleitstudie: In der 1:1-Ausstattung wurde objektiv gemessen nur 1,8 % Daddelzeit; problematisch ist die private, nicht die schulische Nutzung |
| Digitale Geräte in der Grundschule ohne erkennbaren Zugewinn | src-isb-faq-mobile-endgeraete und src-praxisleitfaden-mobile-endgeraete-foerderschulen: assistive und teilhabesichernde Funktion gerade für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf |
| „Bringt nichts, ChatGPT in der Schule zu erlauben" | src-vortrag-lehren-lernen-zukunft und overview-ki-anwendungen-schulen: KI-Einsatz in didaktisch gerahmten Settings der Kultur der Digitalität |
| Skandinavien „dreht zurück" | src-isb-faq-mobile-endgeraete ordnet den Skandinavien-Vergleich differenzierter ein |
Bezüge zu anderen Wiki-Seiten
- src-oecd-ai-literacy-framework — OECD-Rahmen für KI-Kompetenz, den PISA ab 2029 operationalisieren soll
- src-agenda-digitale-balance — bayerische Antwort auf denselben Befund
- src-schulbarometer-2026 — Lehrkräfteperspektive: KI-Nutzung 52 %, Sorge um kritisches Denken bei 67 %
- src-isb-faq-mobile-endgeraete — ISB-Forschungsüberblick zu Ablenkung, Gesundheit, Skandinavien
- src-schule-von-morgen-begleitstudie — objektive Messung der tatsächlichen Gerätenutzung
- src-startchancen-programm — das im Interview kritisierte Bundesprogramm
- src-vortrag-lehren-lernen-zukunft — Gegenposition aus der bayerischen Forschungslandschaft
- src-broken-buried-missing-social-media-safety — warum Plattformschutz als Gegenmittel nicht trägt
- concept-qualitaetsmerkmale-digitaler-unterricht — K+5: das Einsatzkonzept, das die Wirkung entscheidet
- src-sotu-2026-eu-kids-act — EU-Ebene: 4–6 Stunden tägliche Bildschirmzeit, „AI with human agency" — inhaltlich deckungsgleiche Position